Mein eigener Leidensweg durch die Hölle


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Ein Beitrag von Joachim Reuter

Gute 59 Jahre war ich alt, als die Operation am Trigeminusnerv bei mir erfolgte. 15 Jahre vorher, vielleicht ein paar Jahre mehr, begannen die ersten Schmerzen. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was mir blühen sollte.
Die ersten kurzen, nicht überaus schlimmen Schmerzattacken ebbten bald ab und für lange Zeit - vielleicht auch einmal ein, zwei Jahre - verhielt sich der Nerv ruhig. Die kurzen Attacken wiederholten sich, dann auch einmal für drei, vier Tage am Stück, jedoch immer mit ruhigen Phasen dazwischen, zum Glück auch über Nacht.
Inzwischen wurden die Schmerzattacken auch schon beim Sprechen oder Kauen ausgelöst. Nachdem ich mich "eingekaut" hatte, konnte ich jedoch noch einigermassen gut essen. Bei Besprechungen in der Firma wurde es bereits ungemütlich. Wenn ich am Wort war, und die Attacken überkamen mich. Die paar Sekunden konnte ich überbrücken, aber der Schmerz schoss mir bis in den Hinterkopf.
Neben dem Essen wurde auch das Trinken zur Qual: Alle - auch nur gering - kohlensäurehaltigen Getränke lösten Schmerzen aus.

Was lag da näher, als zum Zahnarzt zu gehen. Mein Rat: Bleiben Sie nie bei dem Zahnarzt, sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Hausarzt!!! Wenn ihr Schmerzensbild mit den hier beschriebenen Auslösern übereinzustimmen scheint: Versuchen Sie einen Neurologen zu konsultieren der sich mit TN auskennt (ich weiß: das ist leicht gesagt).
Mein "Hauszahnarzt" versuchte alles Mögliche. Verpasste mir schliesslich eine "Gebiss-Schiene", um die Kieferstellung zu korrigieren. Am Anfang hatten wir damit "Erfolg". Aber die Schmerzen wären auch so wohl nach drei, vier Tagen zurückgegangen.
Nun wurden die Schmerzen allmählich unerträglich. Inzwischen war ich gut über 50 Jahre alt. Ich ahnte jetzt bereits, dass der Auslöser der Trigeminusnerv war, aber ich kam nicht auf die Idee mit meinem Hausarzt zu sprechen. Ich dachte immer noch, beim Zahnarzt sei ich richtig.

Die Schmerzen führten mich zum Eingang der Hölle. Ich saß nur noch apathisch herum, traute mich nicht, zu sprechen, zu essen, den Kopf zu bewegen, letztendlich nicht mal mehr die Augen zu bewegen. Ich war am Ende. Da ging ich zu einem "sehr berühmten" Zahnarzt und Kieferchirurgen. Der behandelte mich mit Antibiotika und zog mir ein paar Tage später einen Backenzahn. Der lag schief und musste herausoperiert werden. Zwei Wochen später hatte ich keine Schmerzen mehr.

Im Frühjahr ging es wieder los. Mein "Hauszahnarzt" fand schließlich wieder einen Zahn zum Ziehen. Die Schmerzen waren zwei Wochen später immer noch da. Der Nerv beruhigte sich irgendwann wieder. Wir fuhren nach Sizilien in Urlaub. Nach einer Woche begannen die Stiche erneut. Da war ich in der Hölle: Nicht mehr bewegen, nichts mehr essen. Manchmal saß ich vor Schmerzen am Boden. Auch in der Nacht (so gegen 22 Uhr) war der Höhepunkt der Schmerzen. Ich dachte die hören nicht mehr auf und ich wäre vielleicht zum Fenster hinausgesprungen, wenn ich mich bewegen hätte können.

Wir flogen ein paar Tage eher zurück, natürlich an einem Feiertag. Aber nach einem Telefonat mit meinem Hausarzt (zum Glück war mein "sehr berühmter" Zahnarzt nicht zu sprechen) erhielt ich eine Einweisung in die neurologische Klinik nahe meinem Wohnort. Dort erhielt ich Carbamazepin und fand innerhalb zwei Tagen soweit Ruhe, dass die Schmerzen zurückgingen. Ich war vorerst der Hölle entronnen. Im MRT war die Aterie zu sehen, die auf den Trigeminusnerv drückte.

Gut 20 Monate später entschloss ich mich zur Operation. Mal konnte ich zwischendurch die Medikamente wieder absetzen. Aber die Schmerzen kamen erneut. Letztendlich musste ich immer höher dosieren. Am Silvestertag 2007 beschloss ich, mich zur Operation anzumelden. Mitte Januar 2008 war ein Vorgespräch im Klinikum Mannheim, Ende Januar die Operation. Die Operation verlief sehr gut, nach 4 Tagen durfte ich bereits nach Hause gehen und mich dort erholen. Manchmal hatte ich leichte Kopfschmerzen, aber die vergingen bald. Ich begann die Medikamente langsam abzusetzen. Als ich nach 4 Wochen etwa 80 % reduziert hatte, begannen die Schmerzen erneut. Und ich war ein paar Tage wie ohne Blut. Es war noch lange nichts ausgestanden.

Und wenn die Ärzte mit ihrem "Schmerzgedächtnis" Recht behalten (was ich nur hoffe), kann das alles doch noch ein paar Monate dauern. Von Ende Mai an hatte ich dann nicht einmal mehr das winzigste Anzeichen eines Schmerzes. Ende Juni sagte mein Neurologe, wir sollten den Nerv sich weiterhin beruhigen lassen und dann vielleicht ab Mitte August könnten wir die Medikamentendosierung reduzieren. Nun sind in der ersten Julihälfte erneut ab und zu winzige Stiche in der linken Wange aufgetreten. Dies verging jedoch bald und bis Mitte August 08 spürte ich nicht das geringste Anzeichen mehr von Schmerz. Da ging ich einmal wieder nach Mannheim in die Klinik. Da gab man mir den Rat, die Medikamentendosierung bis Ende des Jahres beizubehalten und danach, wenn keine Anzeichen mehr auftreten, langsam monatlich eine Tablette abzusetzen.

Nicht bei allen Patienten könne man die Medikamente in 6 Wochen reduzieren. Das Schmerzgedächtnis sei bei mir sehr ausgeprägt. Anfang September begann ich dann langsam die Medikamente zu reduzieren. Die Leberwerte wurden ständig schlechter. Anfang Februar 2009 war ich schließlich bei knapp 50% meiner Maximaldosierung angelangt, das bedeutet 3x300 mg Gabapentin und 1x300 mg und 2x150mg Carbamazepin täglich. Bis Ende März konnte ich die letzten 150 mg Carbamazepin absetzen. Die leichten Hautausschläge, die ich ab Januar hatte, gingen etwas zurück. Jetzt Anfang April nehme ich noch morgens und abends je 300 mg Gabapentin. Und ich hoffe, dass ich die auch bis Ende April 09 abgesetzt habe, wenn alles gut geht.

Es ging nicht so gut. Bei 2x100 mg Gabapentin fingen die Schmerzen wieder an. Nicht so heftig, aber doch ganz ordentlich beim Kauen und Berühren mit dem Handtuch. Der Neurologe empfahl, die Dosis wieder zu erhöhen. Jetzt bin ich bei 3x300mg Gabapentin und 2x150 mg Carbamazepin und die Schmerzen waren nach einigen Tagen vorüber. Zum Glück musste ich nicht wieder auf die frühere Höchstdosis gehen. Das ist ja schon einmal etwas Positives. Jetzt habe ich umgestellt auf 2x400 mg Gabapentin und 2x150 mg Carbamazepin. Aber es kommt immer wieder einmal zum Zwicken. Das ist ja nicht schlimm. Aber es ist ungewiß, wie es weiter geht. (13.07.09) Sehr langsam habe ich weiter reduziert. Ende Januar 10 war ich bei 150 mg Carbamazepin morgens und 75 mg abends. Ich komme jetzt dahin, was die Ärzte in der Mannheimer Klinik empfohlen haben: Nach deren Vorstellung wäre ich ohne Medikamente im Frühjahr 2010 schmerzfrei. Wenn es denn so wäre.

Leider entwickelte sich das nicht ganz in diese Richtung. Die letzten 75 mg Carbamazepin habe ich am 10.03.10 abgesetzt. Nach ein paar Tagen glaubte ich manchmal ein ganz winziges Zucken zu spüren, das aber dann wieder weg war. Danach verstärkte sich das Zucken und ich begann wieder 2x75mg Carbamazepin zu nehmen. Ich wollte es mit dem Tabletten-Absetzen nicht auf die Spitze treiben. (April 2010)

So blieb es ein jahrelanges Auf und Ab. Mal mehr (2x300 mg Carbamazepin) mal weniger (2x75 mg). Ich sprach auch einmal mit meinem Neurologen. Er meinte, dass ich das mit der Dosierung richtig mache. Und er wünsche mir, dass ich nicht ein zweites mal operiert werden muss. Momentan (Februar 2020) bin ich bei 75 mg Carb. am Morgen und es geht mir sehr gut. Man soll es ja nie bereden.

Operation

Mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta.
Klinikum Mannheim, Ende Januar 2008

Medikamentendosierung vor dem Eingriff:
2100mg Gabapentin
1350mg Carbamazepin
täglich

Eine Nacht auf der Intensivstation, nach 3 Tagen Pflaster entfernt, nach 5 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Danach Erholungszeit zu Hause und langsamer Abbau der Medikamentendosierung.

Die Wunde nach 3 Tagen:




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