Zur ärztlichen Versorgung von Schmerzpatienten

Ich wusste nicht so recht, ob ich lachen oder heulen sollte, als ich in einem der Beiträge las, dass ein Arzt den TN-Patienten als unwirtschaftliches „Gesamtpaket“ bezeichnete. Ich gehe aber mal davon aus, dass dem Arzt nicht nach einem Scherz zumute war, sondern dass ihm vielmehr unsere vielschichtige Krankheit bewusst ist und er sowohl unsere, als auch seine Misere ausdrücken wollte.

Wir sind halt als Schmerzpatienten unbestritten „Gesamtpakete“ (dieses Forum hier ist sozusagen ein Postamt – bitte, liebe Neurologen und Schmerzärzte: bedient euch derer!), an denen sich mehrere Mediziner gemeinsam beweisen können. Wir haben eine Krankheit, die man kaum beschreiben kann, weil für die Schmerzen erst neue Worte erfunden werden müssen. Wir haben eine Krankheit, die bei jedem Betroffenen in ihrem Auftreten, ihrem Ausmaß und ihren Eigenarten unterschiedlich ist. Krankheitsursachen müssen weitestgehend erkundet werden, sie sind meist nicht eindeutig, oft nicht erkennbar. Weitere Fachärzte müssen oft ihren Beitrag leisten, um Fehldiagnosen auszuschließen bzw. zu vermeiden (HNO, Zahnarzt, Orthopäde etc.), Psycho- und Physiotherapeuten werden einbezogen. Röntgen-, CT-, MRT-Aufnahmen werden gesichtet, relevante stattgefundene Krankheiten müssen beachtet werden. Der zuständige Arzt sitzt dann vor einem Stapel Akten, und das alles muss nun ausgewertet werden. Er muss sich mit all dem Kram befassen, evtl. sich sogar mit Kollegen beraten. Oft kann er nur Symptome deuten, wenn keine Ursachen zu finden sind. Dann muss er Medikamente auswählen, die zum Teil beachtliche Nebenwirkungen haben können, denn das sind keine Baldriantropfen, sondern echte Kracher. Das heißt, für den Arzt sind wir wahrhaft aufwendige „Maxipakete“, bei denen ein überdurchschnittlich zeitlicher Aufwand und Fachkenntnis erforderlich sind. Vom Allgemeinen Hausarzt also wirklich nicht zu packen.

Die Neurologen haben zwar das Fachwissen, von ihrer Spezies gibt es aber nun mal viel zu wenig. Und von denen, die noch die Zusatzausbildung „Spezielle Schmerztherapie“ gemacht haben, noch weniger. Sie haben zwar etwas weitere, aber für ihre Arbeit auch viel zu enge Budgetgrenzen, die ihnen vorgegeben sind. Ich gehe mal davon aus, dass es wirklich keine Böswilligkeit der Neurologen ist, neue Patienten aufzunehmen, ihnen bleibt häufig keine andere Wahl.

In dieser Situation riecht natürlich auch die Pharmaindustrie den Braten und kann sich mit diversen Mitteln einen Namen verschaffen. Entsprechend einer kürzlich im ZDF erschienenen Reportage hat die Pharmaindustrie im vergangenen Jahr über eine halbe Milliarde Euro an Ärzte und medizinische Einrichtungen gezahlt. Kritiker befürchten, dass die Ärzte im Gegenzug die Medikamente der entsprechenden Pharmaunternehmen verschreiben. In einer folgenden Studie haben nur wenige Ärzte freiwillig ihre Nebeneinkünfte der Bundesärztekammer angegeben. Sind es Zuverdienste, damit sich der Arzt ein gutes Leben machen kann, oder Aufstockungen des Budgets, um damit die Praxis am Laufen zu halten? Bei den ständigen Kürzungen der Honorare und Zeitvorgaben pro Patient möchte ich eher auf die zweite Variante tippen. Obwohl der Hippokratische Eid nach der Approbation in Deutschland schon lange nicht mehr geleistet wird.

Aber das ist ein Kapitel für sich.

Die niedergelassenen Ärzte rechnen ihre Leistungen, die sie im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung erbringen, nicht mit der Krankenkasse ab, sondern sie erhalten ihr Gehalt am Ende des Quartals von der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV).  Die KVen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, in denen die Vertragsärzte organisiert sind. Auf diesem ganzen Weg gibt es bei der Vergütungsbemessung ständige Änderungen und Anpassungen und Schwankungen. Dieses komplizierte Vergütungssystem lässt den Ärzten kaum Spielraum.

Wenn sie als „Ausgleich“ mehr Patienten aufnehmen würden, hätten sie pro Patient entsprechend weniger Zeit. Das würde ein „Durchschleusen“ der Patienten bedeuten, das ein verantwortlicher Arzt nicht mehr vertreten kann. Ich gehe mal davon aus, dass jeder Arzt seine Pflicht kennt, Patienten im äußersten Notfall zu behandeln, aber unser shit Gesundheitswesen zwingt sie dazu, dass sie keine Patienten auf Dauer neu aufnehmen können. Ich denke, dass man es ihnen wirklich wirtschaftlich nicht zumuten kann. Dieses vertrackte System zu begreifen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Sollte dennoch jemand Interesse haben, das absonderliche Chaos zu bewundern, stelle ich gern ein paar Links zur Verfügung. Ich rate jedoch davon ab. Schließlich sollen und wollen und müssen wir uns in unseren wenigen schmerzfreien Minuten erholen.

In medizinischen Veröffentlichungen wird Immer häufiger berichtet, dass sich niedergelassene Ärzte zunehmend aus der Kassenärztlichen Vereinigung verabschieden und eine Privatpraxis weiterführen, d.h. nur noch für Privatversicherte oder Selbstzahler da sind, um ihre Praxis aufrecht halten zu können.

Gleichzeitig müssen wir mit der Tatsache leben, dass (laut dem Nationalen Versorgungsforum Schmerz) in den nächsten fünf Jahren etwa zwei Drittel der derzeit tätigen Schmerzmediziner in den Ruhestand gehen. Bisher gibt es keine Ausbildung von Fachärzten für Schmerz, und eine fachgebietsfremde Nachbesetzung gefährdet akut die Versorgung.

Bei den Schmerzkongressen hauen sich die Fachexperten schon lange gegenseitig die Rübe ein, ob nun die Einführung von Fachärzten für Schmerz sinnvoll ist oder nicht, das Gezerre an den Argumenten braucht seine Zeit. Eine Lösung kommt eh zu spät.

Patientenvertreter und Schmerzexperten setzen ein funktionierendes Versorgungskonzept voraus, dass noch nicht vorliegt. Eine wohnortnahe Versorgung der Schmerzpatienten durch selbständig geführte Praxen liegt in der Ferne.

Die Letzten in der Reihe sind wir TN-Opfer, die das alles austragen müssen, und die – es sind nicht wenig – für immer aufgeben. Für uns ist es eine Erniedrigung, mit dieser Krankheit bei mehreren Neurologen als Bittsteller vorsprechen zu müssen. Es ist demütigend, um eine Behandlung oder einen Rat flehen zu müssen. Unsere Situation ist ein Trauerspiel, das seine Ursachen in der Politik, dem gesamten Gesundheitswesen, der Uneinigkeit und Sturheit einiger arroganter Vorstände und im Verhalten von Einrichtungen/Ämtern/Institutionen hat, die den Begriff Trigeminus kaum aussprechen können, und manchmal nicht wissen oder einfach vergessen, dass Menschen dringend auf Hilfe warten, und die ganz fürchterlich leiden.

Dieses Verhalten ist schlichtweg anmaßend und menschenverachtend.

Auf dem „Nationalen Versorgungsforum Schmerz“ im November letzten Jahres wurden Lösungen angedeutet. Unsere Hoffnung liegt bei den verantwortungsvollen Ärzten, die für uns kämpfen.

Wir haben das Recht (haben wir?) auf eine angemessene Behandlung. Selbst wenn es schwer fällt, sollten wir laut werden, damit uns jemand hört, und die Krallen ausfahren, wenn wir abgewiesen werden. Ich wünsche uns viel Kraft.

Marion

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